Anlegen unter Maschine und Ablegen unter Maschine sind nach Anlage 4 SpFV Pflichtmanöver der praktischen Sportbootführerscheinprüfung. Beide müssen ausreichend ausgeführt werden; für jedes Manöver stehen zwei Versuche zur Verfügung.1 Wer den Radeffekt kennt, die Anfahrt nach Wind und Strömung plant und die Crew klar einweist, kann beide Manöver kontrolliert fahren.
Kurz & knapp
- Der Radeffekt versetzt das Heck im Rückwärtsgang seitlich – bei rechtsdrehendem Propeller nach Backbord
- Die Anfahrt wird gegen den stärker wirkenden Faktor geplant; auf Fließgewässern müssen Strom und Wind gemeinsam beurteilt werden
- Anfahrt im spitzen Winkel mit langsamer, kontrollierter Fahrt – so langsam wie möglich, so schnell wie nötig
- Beim Ablegen mit auflandigem Wind hilft das Eindampfen in die Vorspring: Das Heck schwenkt frei
- Klare Leinenkommandos sind gute Seemannschaft, aber keine eigene Bewertungsposition
- Fender und Leinen werden vor jedem Manöver klargemacht
Der Radeffekt: unsichtbare Kraft am Heck
Der Radeffekt ist die seitliche Versetzung des Hecks durch die drehende Schraube. Der amtliche SKS-Fragenkatalog beschreibt die Wirkung bei Rückwärtsfahrt so: Ein rechtsdrehender Propeller versetzt das Heck nach Backbord, ein linksdrehender nach Steuerbord.2
| Propeller (Vorausfahrt) | Wirkung im Rückwärtsgang | Beim Aufstoppen oft begünstigte Seite |
|---|---|---|
| rechtsdrehend | Heck schlägt nach Backbord | Backbord |
| linksdrehend | Heck schlägt nach Steuerbord | Steuerbord |
Gegen Wind und Strom anlegen
Die Grundregel der Seemannschaft lautet: Die Anfahrt wird gegen den stärker wirkenden Faktor geplant. Auf fließenden Gewässern ist das häufig der Strom; in ungeschützter Lage kann starker Wind jedoch ebenfalls entscheidend sein. Auf Seen und im Hafen ohne nennenswerte Strömung richtet sich die Anfahrt nach dem Wind. Der Grund: Fährt das Boot gegen Wind oder Strom an, wirkt das Element wie eine natürliche Bremse. Das Boot behält bei geringer Fahrt über Grund genügend Fahrt durchs Wasser – und damit Ruderwirkung.
Wind- und Stromrichtung lassen sich vor dem Manöver an Flaggen, Wellenbildern, vertäuten Booten und am eigenen Vorwindversatz ablesen. Auflandiger Wind (Wind drückt zum Steg) macht das Anlegen leicht und das Ablegen schwer; ablandiger Wind (Wind drückt vom Steg weg) verhält sich umgekehrt.
Das Anlegemanöver Schritt für Schritt
- Vorbereitung: Fender in Steghöhe ausbringen, Vor- und Achterleine klarlegen, Crew einweisen. Kommando: „Klar bei Leinen und Fendern!"
- Lagebeurteilung: Wind, Strom, freie Liegeplätze und Hindernisse prüfen; Anlegeseite und Aufstoppwirkung des Radeffekts einplanen.
- Anfahrt: In einem zur Situation passenden, eher spitzen Winkel mit langsamer Fahrt anlaufen – bei auflandigem Wind flacher, bei ablandigem Wind etwas steiler.
- Aufstoppen: Kurz vor dem Liegeplatz auskuppeln, dann mit einem dosierten Rückwärtsschub aufstoppen. Der Radeffekt zieht das Heck – idealerweise zum Steg.
- Festmachen: Zuerst die Leine belegen, die das Boot in Position hält (je nach Wind und Strom Vor- oder Achterleine), anschließend die übrigen Leinen und bei längerem Liegen die Springs.
Ablegen – mit und ohne Wind
Bei ablandigem Wind oder Windstille kann es genügen, die Leinen in der richtigen Reihenfolge loszuwerfen und das Boot langsam vom Steg zu drehen, sofern Strömung und Raum das zulassen. Anspruchsvoller ist auflandiger Wind, der das Boot auf den Steg drückt. Hier hilft das klassische Prüfungsmanöver:
Eindampfen in die Vorspring
- Alle Leinen bis auf die Vorspring loswerfen (die Spring führt vom Bug schräg nach achtern zum Steg).
- Einen Fender zwischen Bug und Steg platzieren – der Bug wird gleich gegen den Steg gedrückt.
- Ruder zum Steg legen und langsam voraus eindampfen: Die Spring hält den Bug, das Heck schwenkt vom Steg weg.
- Ist das Heck weit genug frei, Vorspring loswerfen und rückwärts vom Steg freifahren.
- In sicherem Abstand aufstoppen, Vorausfahrt aufnehmen, Fender einholen.
Leinenkommandos in der Übersicht
Klare Kommunikation ist gute Seemannschaft. Das Praxisprotokoll der SpFV führt Leinenkommandos nicht als eigene Bewertungsposition auf; bewertet werden die Pflichtmanöver Anlegen und Ablegen als Ganzes.1 Bewährt haben sich diese Kommandos:
| Kommando | Bedeutung |
|---|---|
| „Klar bei Leinen und Fendern!" | Manöver vorbereiten, Positionen einnehmen |
| „Vorleine / Achterleine fest!" | Leine an Land bzw. an der Klampe belegen |
| „Leine auf Slip!" | Leine so umlegen, dass sie vom Boot aus durchgeholt werden kann |
| „Vorspring halten!" | Spring belegt lassen, Last aufnehmen |
| „Vorleine / Achterleine los!" | Einzelne Leine loswerfen und einholen |
| „Leinen los!" | Alle verbliebenen Leinen loswerfen |
Typische Prüfungssituationen
In der praktischen Prüfung sind Anlegen und Ablegen unter Maschine Pflichtmanöver. Kursgerechtes Aufstoppen ist dagegen eines von fünf sonstigen Manövern: Aus diesen werden höchstens drei verlangt, von denen zwei ausreichend sein müssen.1 Details zum Prüfungsablauf beschreibt der Artikel zur Praxisprüfung.
Häufige Fehler
Die Klassiker: zu schnelle Anfahrt (keine Zeit zum Reagieren), zu steiler Winkel (der Bug erreicht den Steg vor dem Heck), ignorierter Radeffekt (das Heck schert beim Aufstoppen unerwartet aus), fehlende Kommandos (die Crew agiert unkoordiniert) und vergessene Fender. Wer das Manöver vor der Anfahrt einmal laut durchspricht – Wind, Strom, Anlegeseite, Radeffekt, Leinenfolge –, vermeidet die meisten dieser Fehler von selbst.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Sind Anlegen und Ablegen Pflichtmanöver?
Ja. Anlage 4 SpFV führt Anlegen und Ablegen unter Maschine als Pflichtmanöver. Beide müssen ausreichend ausgeführt werden; je Manöver sind zwei Versuche vorgesehen.1
Wie berücksichtige ich Wind und Strom?
Die Anfahrt wird gegen den stärker wirkenden Faktor geplant. Dadurch bleibt Fahrt durchs Wasser und damit Steuerwirkung erhalten, während die Fahrt über Grund klein sein kann.
Was ist der Radeffekt?
Die seitliche Versetzung des Hecks durch die drehende Schraube. Bei Rückwärtsfahrt versetzt ein rechtsdrehender Propeller das Heck nach Backbord, ein linksdrehender nach Steuerbord.2
Welche Leine kommt zuerst an Land?
Das hängt von Wind, Strömung und geplanter Endlage ab. Entscheidend ist, dass die zuerst übergebene Leine die Lage des Bootes kontrolliert und nicht gegen das geplante Manöver arbeitet.
Wie bereite ich die Crew vor?
Vor dem Manöver ansagen, welche Seite anlegt, wer welche Leine führt und wo die Fender hängen. Die SpFV bewertet Kommandos nicht separat, doch eine eindeutige Einweisung verhindert Missverständnisse.
Quellen
- Sportbootführerscheinverordnung, Anlage 4 zu § 8 Abs. 1 Satz 4, Pflicht- und sonstige Manöver, aktuelle Fassung. https://www.gesetze-im-internet.de/spfv/anlage_4.html ↩
- Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, Fragenkatalog SKS, Fragen 71 und 73 zum Radeffekt, aktuelle Ausgabe. https://www.elwis.de/DE/Sportschifffahrt/Sportbootfuehrerscheine/Fragenkatalog-SKS/Fragenkatalog-SKS.pdf ↩