Navigation Gezeiten Gezeitenrechnung: Höhe der Gezeit, Gezeitentafeln und Zwölftel-Regel

Gezeitenrechnung: Höhe der Gezeit, Gezeitentafeln und Zwölftel-Regel

Gezeitenrechnung für die SKS-Prüfung: Entstehung, Gezeitentafeln mit Bezugs- und Anschlussorten sowie Zwölftel-Regel zur Bestimmung der Gezeitenhöhe.

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Skipper Prüfungsfit
Updated: 2026-08-27

Wer vom Binnenrevier oder von der Ostsee in die Nordsee wechselt, navigiert plötzlich in einem Fahrwasser, das sich im Sechs-Stunden-Rhythmus verändert: Wassertiefen schwanken um mehrere Meter, Häfen fallen trocken, Untiefen sind mal passierbar und mal nicht. Für den Sportküstenschifferschein (SKS) gehört die Gezeitenrechnung deshalb zum Kernstoff der Navigationsausbildung. Dieser Artikel erklärt, wie Gezeiten entstehen, wie Gezeitentafeln mit Bezugs- und Anschlussorten gelesen werden und wie sich mit der Zwölftel-Regel die Höhe der Gezeit für jeden Zeitpunkt zwischen Hoch- und Niedrigwasser abschätzen lässt.

Kurz & knapp

- Gezeiten entstehen durch die Anziehungskraft des Mondes (dominant) und der Sonne
- Bei Neu- und Vollmond addieren sich die Wirkungen: Springtide mit großem Tidenhub; bei Halbmond folgt die Nipptide mit kleinem Tidenhub
- Kartennull ist das LAT (Lowest Astronomical Tide) – die Kartentiefe ist also fast immer die ungünstigste Tiefe
- Wassertiefe = Kartentiefe + Höhe der Gezeit
- Gezeitentafeln liefern Zeiten und Höhen für Bezugsorte; Anschlussorte werden über Zeit- und Höhenunterschiede beschickt
- Die Zwölftel-Regel (1-2-3-3-2-1) schätzt den Verlauf zwischen Hoch- und Niedrigwasser
- In der SKS-Kartenaufgabe sind Gezeitenaufgaben Standard1

Wie Gezeiten entstehen

Ursache der Gezeiten ist das Zusammenspiel von Anziehungskraft und Fliehkraft im System Erde–Mond. Auf der mondzugewandten Seite der Erde überwiegt die Anziehung des Mondes, auf der abgewandten Seite die Fliehkraft der Erdbewegung um den gemeinsamen Schwerpunkt. Es entstehen zwei Flutberge, unter denen sich die Erde hindurchdreht. Die Sonne wirkt nach demselben Prinzip, wegen ihrer großen Entfernung aber deutlich schwächer – der Mond ist der dominierende Faktor.

Weil der Mond auf seiner Bahn der Erddrehung „hinterherläuft“, verschieben sich die Gezeitenzeiten von Tag zu Tag um knapp eine Stunde. An den Küsten der Nordsee herrscht eine halbtägige Gezeit: Zwischen zwei Hochwassern liegen im Mittel rund 12 Stunden und 25 Minuten, pro Mondtag treten also zwei Hochwasser (HW) und zwei Niedrigwasser (NW) auf. Steigt das Wasser, spricht man vom Steigen, sinkt es, vom Fallen; die Differenz der Höhen von Hoch- und Niedrigwasser ist der Tidenhub.

Springtide und Nipptide

Die Stellung von Sonne und Mond zueinander verändert den Tidenhub im Rhythmus von etwa zwei Wochen:

  • Springtide: Bei Neumond und Vollmond stehen Sonne, Mond und Erde annähernd auf einer Linie. Die Gezeitenkräfte addieren sich, der Tidenhub ist besonders groß – das Hochwasser läuft höher auf, das Niedrigwasser fällt tiefer.
  • Nipptide: Bei Halbmond stehen Sonne und Mond im rechten Winkel zueinander, die Kräfte wirken teilweise gegeneinander. Der Tidenhub ist deutlich kleiner.
An vielen Küsten tritt die Springtide nicht exakt am Tag der Mondphase ein, sondern mit einer gewissen Verzögerung (Springverspätung). Für die Praxis wichtig: Um Springzeit sind nicht nur die Wasserstände extremer, auch die Gezeitenströme laufen spürbar stärker – ein Punkt, der bei der Stromnavigation wieder auftaucht.

Kartennull und Höhe der Gezeit

Alle Tiefenangaben in der Seekarte beziehen sich auf das Kartennull. In deutschen und den meisten europäischen Karten ist das heute das LAT (Lowest Astronomical Tide) – der niedrigste Gezeitenwasserstand, der unter mittleren astronomischen Bedingungen vorausberechnet werden kann. Die Kartentiefe ist damit eine sehr vorsichtige Angabe: In der Regel steht mehr Wasser über dem Grund, als die Karte zeigt.

Die Höhe der Gezeit ist der Wasserstand über Kartennull zu einem bestimmten Zeitpunkt. Daraus folgt die zentrale Formel der Gezeitenrechnung:

Wassertiefe = Kartentiefe + Höhe der Gezeit

Trockenfallende Flächen (Watten) sind in der Karte mit unterstrichenen Zahlen dargestellt: Sie liegen um diesen Betrag über Kartennull. Dort ergibt sich die Wassertiefe aus der Höhe der Gezeit abzüglich der Trockenfallhöhe. Wer die Symbolik im Detail auffrischen möchte, findet die Grundlagen im Artikel Seekarte lesen.

Gezeitentafeln: Bezugsorte und Anschlussorte

Die amtlichen Gezeitentafeln – in Deutschland herausgegeben vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH)2 – liefern für sogenannte Bezugsorte die vorausberechneten Zeiten und Höhen aller Hoch- und Niedrigwasser des Jahres. Bezugsorte sind größere Häfen und markante Punkte wie etwa Helgoland oder Cuxhaven.

Für die vielen kleineren Häfen dazwischen enthalten die Tafeln Anschlussorte: Zu jedem Anschlussort sind Zeitunterschiede und Höhenunterschiede gegenüber seinem Bezugsort angegeben. Die Rechnung läuft immer nach demselben Schema:

  1. Hoch- bzw. Niedrigwasserzeit und -höhe des Bezugsorts aus der Tafel entnehmen.
  2. Zeitunterschied des Anschlussorts addieren oder subtrahieren.
  3. Höhenunterschied des Anschlussorts anbringen.
Zwei Stolperfallen kosten in der Prüfung regelmäßig Punkte: die verwendete Zeitzone der Tafel (gegebenenfalls auf Sommerzeit umrechnen) und das Vorzeichen der Unterschiede. Sauberes, schriftliches Arbeiten nach Schema zahlt sich hier ebenso aus wie bei der Kursberechnung.

Die Zwölftel-Regel mit Rechenbeispiel

Zwischen Hoch- und Niedrigwasser verläuft der Wasserstand näherungsweise sinusförmig. Die Zwölftel-Regel übersetzt diesen Verlauf in eine einfache Merkzahl: Bei rund sechs Stunden Steig- oder Falldauer ändert sich der Wasserstand

  • in der 1. Stunde um 1/12 des Tidenhubs,
  • in der 2. Stunde um 2/12,
  • in der 3. Stunde um 3/12,
  • in der 4. Stunde um 3/12,
  • in der 5. Stunde um 2/12,
  • in der 6. Stunde um 1/12.
Beispiel: Hochwasser um 09:00 Uhr mit 6,2 m über Kartennull, Niedrigwasser um 15:10 Uhr mit 1,4 m. Der Tidenhub beträgt 6,2 m − 1,4 m = 4,8 m, ein Zwölftel also 0,4 m. Gefragt ist die Höhe der Gezeit um 11:00 Uhr, zwei Stunden nach Hochwasser: In den ersten beiden Stunden fällt das Wasser um 1/12 + 2/12 = 3/12 des Tidenhubs, also um 1,2 m. Die Höhe der Gezeit beträgt 6,2 m − 1,2 m = 5,0 m. Steht an der geplanten Ankerposition eine Kartentiefe von 2,0 m, ergibt sich eine tatsächliche Wassertiefe von 7,0 m.

Die Zwölftel-Regel ist eine Näherung: Sie setzt einen gleichmäßigen, rund sechsstündigen Verlauf voraus. In Revieren mit stark verformten Tidekurven oder bei größeren Abweichungen der Steig- und Falldauer sind die amtlichen Vorausberechnungen und Kurven vorzuziehen. Für die Törnpraxis und die Prüfung liefert sie dennoch schnell brauchbare Werte – inklusive Sicherheitszuschlag beim Umsetzen in Ankertiefe oder Passierbarkeit.

Gezeiten in der SKS-Prüfung

In der SKS-Navigationsaufgabe gehören Gezeitenaufgaben zum Standardprogramm. Typische Fragestellungen sind: Hoch- und Niedrigwasserzeit für einen Anschlussort berechnen, die Höhe der Gezeit zu einem gegebenen Zeitpunkt bestimmen und daraus ableiten, ob eine Untiefe oder Hafeneinfahrt mit dem angegebenen Tiefgang sicher passiert werden kann. Bewährt hat sich ein festes Vorgehen: zuerst die Tafelwerte notieren, dann Zeit- und Höhenunterschiede anbringen, anschließend eine kleine Skizze der Tidenkurve zeichnen und die Zwölftel-Regel anwenden. Wer die Rechenwege mehrfach mit unterschiedlichen Zahlen geübt hat, löst die Aufgaben in der Prüfung sicher und schnell. Weitere Übungsmaterialien bündelt der Themenbereich Navigation; den Anschluss an die Praxis stellt die Prüfungsfahrt her, für die auch das Zusammenspiel mit dem Gezeitenstrom sitzen muss.3

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wie lautet die Zwölftel-Regel?

In den sechs Stunden zwischen Hoch- und Niedrigwasser ändert sich der Wasserstand um 1, 2, 3, 3, 2 und 1 Zwölftel des Tidenhubs – je Stunde. Der Wasserstand ändert sich also in der Mitte der Tide am schnellsten, an den Kenterpunkten am langsamsten.

Worauf bezieht sich die Kartentiefe?

Auf das Kartennull, das in deutschen Seekarten dem LAT (Lowest Astronomical Tide) entspricht – dem niedrigsten astronomisch möglichen Wasserstand. Die tatsächliche Wassertiefe ergibt sich aus Kartentiefe plus Höhe der Gezeit.

Wie lang ist eine Tide?

Zwischen zwei Hochwassern liegen im Mittel rund 12 Stunden und 25 Minuten. Pro Mondtag treten damit zwei Hoch- und zwei Niedrigwasser auf, und die Gezeitenzeiten verschieben sich täglich um knapp eine Stunde.

Was unterscheidet Spring- und Nipptide?

Bei Neu- und Vollmond stehen Sonne, Mond und Erde annähernd in einer Linie, die Kräfte addieren sich: Springtide mit großem Tidenhub. Bei Halbmond wirken sie gegeneinander: Nipptide mit kleinem Tidenhub. Der Eintritt verzögert sich revierabhängig (Springverspätung).

Was sind Bezugs- und Anschlussorte?

Gezeitentafeln geben Zeiten und Höhen für Bezugsorte an. Für Anschlussorte werden diese Werte mit tabellierten Zeit- und Höhenunterschieden beschickt. Ohne diese Beschickung gilt die Tafel nur für den Bezugsort.

Quellen

  1. ELWIS – Elektronischer Wasserstraßen-Informationsservice, Informationen für die Sportschifffahrt. https://www.elwis.de/DE/Sportschifffahrt/Sportschifffahrt-node ↩
  2. Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH), Gezeitenvorausberechnungen und Gezeitentafeln. https://www.bsh.de/DE/DATEN/Vorhersagen/Wasserstand_Nordsee/wasserstand_nordsee_node.html ↩
  3. Deutscher Motoryachtverband, Prüfungszentrum Rheinland-Pfalz, Gebühren und Prüfungsinformationen zu SBF und SKS. https://dmyv-pzrlp.de/gebuehrenseite-neu/ ↩

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