In Tidenrevieren bewegt sich nicht nur das Boot, sondern auch das Wasser: Gezeitenströme von zwei Knoten und mehr sind in der Deutschen Bucht keine Seltenheit. Wer sie ignoriert, kommt weitab vom geplanten Ziel an oder kämpft stundenlang gegen den Strom. Für den SKS ist die Stromnavigation deshalb neben der Gezeitenrechnung das zweite große Prüfungsthema im Tidenrevier. Dieser Artikel zeigt, wie Stromatlanten gelesen werden, wie das Stromdreieck Kurs und Fahrt über Grund liefert und wie der Strom sinnvoll in die Törnplanung einfließt.
Kurz & knapp
- Gezeitenströme wechseln im Tidenrhythmus die Richtung; beim Kentern des Stroms herrscht kurzzeitig Stauwasser
- Um die Springzeit laufen die Ströme deutlich stärker als zur Nippzeit
- Stromatlanten zeigen Richtung und Stärke des Stroms für jede Stunde vor und nach Hochwasser eines Bezugsorts
- Das Stromdreieck verknüpft Kurs und Fahrt durchs Wasser (KdW/FdW) mit Kurs und Fahrt über Grund (KüG/FüG)
- Der Vorhaltewinkel gleicht die Versetzung durch den Strom aus
- Die Besteckversetzung ist der Unterschied zwischen Koppelort und beobachtetem Ort
- Clevere Törnplanung nutzt den Strom, statt gegen ihn anzukämpfen
Gezeitenströme verstehen
Mit dem Steigen und Fallen des Wassers sind großräumige horizontale Wasserbewegungen verbunden: der Flutstrom in Richtung Küste beziehungsweise stromauf und der Ebbstrom in Gegenrichtung. Zwischen beiden Phasen kentert der Strom, das heißt, er dreht auf die Gegenrichtung; für kurze Zeit herrscht nahezu strömungsfreies Stauwasser. Wichtig: Die Kenterzeiten fallen nicht zwingend mit Hoch- oder Niedrigwasser zusammen – je nach Revier läuft der Strom auch nach dem Hochwasser noch eine Weile weiter.
Die Stärke des Stroms hängt vom Tidenhub ab: Um die Springzeit sind die Ströme deutlich stärker, zur Nippzeit schwächer. Zusätzlich beschleunigt sich der Strom in Engstellen, zwischen Inseln und in Flussmündungen erheblich. Wind gegen Strom baut dabei kurze, steile Wellen auf – ein Effekt, der auch für die Seegangsbeurteilung zählt.
Stromatlanten und Stromangaben
Das wichtigste Planungswerkzeug ist der Stromatlas, für die deutschen Gewässer herausgegeben vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH)1. Ein Stromatlas enthält für jede Stunde vor und nach dem Hochwasser eines Bezugsorts ein Kartenblatt, auf dem Pfeile Richtung und Stärke des Stroms zeigen – meist mit getrennten Werten für Spring- und Nippzeit, zwischen denen bei Bedarf interpoliert wird.
Der Ablauf in der Praxis: Zuerst wird mit der Gezeitentafel die Hochwasserzeit des Bezugsorts bestimmt, dann die geplante Fahrzeit in „Stunden vor/nach Hochwasser“ umgerechnet und das passende Atlasblatt aufgeschlagen. Wichtig für die Richtungsangabe: Stromrichtungen werden – anders als Windrichtungen – immer als die Richtung angegeben, in die der Strom setzt. Ein Strom „nach 180°“ versetzt das Boot also nach Süden. Ergänzende Stromangaben finden sich außerdem in Seekarten und Seehandbüchern.
Das Stromdreieck: Begriffe und Prinzip
Das Stromdreieck verknüpft drei Vektoren – Eigenbewegung, Strom und resultierende Bewegung:
| Begriff | Abkürzung | Bedeutung |
|---|---|---|
| Kurs durchs Wasser | KdW | Richtung der Kiellinie durchs Wasser (gesteuerter Kurs, ggf. um Windabdrift beschickt) |
| Fahrt durchs Wasser | FdW | Geschwindigkeit gegenüber dem Wasser (Logge) |
| Kurs über Grund | KüG | tatsächliche Bewegungsrichtung über dem Meeresgrund |
| Fahrt über Grund | FüG | tatsächliche Geschwindigkeit über Grund |
| Vorhaltewinkel | – | Winkel zwischen KdW und KüG, der die Stromversetzung ausgleicht |
Beispiel: Vorhaltewinkel konstruieren
Geplant ist ein Kurs über Grund von 090°, das Boot läuft 5 Knoten Fahrt durchs Wasser, der Stromatlas nennt einen Strom, der mit 2 Knoten nach 180° setzt. Die Konstruktion auf der Seekarte:
- Vom Standort die Sollkurslinie über Grund (090°) ziehen.
- Vom Standort den Stromvektor abtragen: 2 Seemeilen in Richtung 180° (Strom einer Stunde).
- Vom Ende des Stromvektors mit dem Zirkel die Strecke der Fahrt durchs Wasser (5 Seemeilen) auf die Sollkurslinie abschlagen.
- Die Verbindungslinie ergibt den zu steuernden Kurs durchs Wasser, die Strecke auf der Sollkurslinie die Fahrt über Grund.
Besteckversetzung: Wenn Rechnung und Wirklichkeit abweichen
Wird der Schiffsort über Kurs und Fahrt durchs Wasser gekoppelt, weicht dieser Koppelort nach einiger Zeit vom tatsächlichen, durch Peilung oder GPS beobachteten Ort ab. Diese Abweichung heißt Besteckversetzung (BV); sie wird als Richtung und Distanz vom Koppelort zum beobachteten Ort angegeben, ergänzt um den Zeitraum, über den sie entstanden ist.
Ursachen sind vor allem nicht oder falsch angesetzter Strom, unterschätzte Windabdrift sowie Steuer- und Loggefehler. Die Besteckversetzung ist dabei mehr als eine Fehlerangabe: Aus ihr lässt sich der tatsächlich wirkende mittlere Strom rückrechnen und für die nächste Koppelstrecke ansetzen. Genau dieses Auswerten – Versetzung feststellen, Ursache zuordnen, Vorhaltung anpassen – wird in SKS-Kartenaufgaben regelmäßig geprüft.
Törnplanung mit Strom
In der Praxis ist der Strom kein Gegner, sondern ein Fahrplan. Bewährte Grundsätze für die Planung:
- Mit dem Strom fahren: Ablegezeit so wählen, dass der Strom auf dem Hauptkursabschnitt mitläuft. Bei 2 Knoten Strom macht das für ein 5-Knoten-Boot den Unterschied zwischen 3 und 7 Knoten über Grund – fast Faktor zwei bei der Etappenzeit.
- Engstellen bei Stauwasser passieren: Seegatten, Flussmündungen und enge Rinnen sind um die Kenterzeit am entspanntesten; Wind-gegen-Strom-Situationen dort meiden.
- Tidenfenster einplanen: Barren, Untiefen und flache Hafenzufahrten mit ausreichender Höhe der Gezeit passieren – die Rechnung dazu liefert die Gezeitenrechnung.
- Mit FüG planen: Etappenlängen und Ankunftszeiten immer auf Basis der erwarteten Fahrt über Grund kalkulieren, nicht der Bootsgeschwindigkeit durchs Wasser.
- Reserven vorsehen: Wer das Tidenfenster verpasst, braucht einen Plan B – Alternativhafen oder Warteposition mit ausreichender Wassertiefe.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist der Unterschied zwischen Kurs durchs Wasser und Kurs über Grund?
Der Kurs durchs Wasser ist der gesteuerte Kurs, der Kurs über Grund der tatsächlich zurückgelegte Weg. Die Differenz entsteht durch den Strom – bei Wind zusätzlich durch Abdrift.
Wie finde ich den Kurs, den ich steuern muss?
Über das Stromdreieck: Vom Ausgangspunkt wird der Stromvektor für eine Stunde abgetragen, von dessen Spitze aus mit der Fahrt durchs Wasser auf die gewünschte Kurslinie eingeschwenkt. Die Verbindung ergibt den zu steuernden Kurs, die Strecke auf der Kurslinie die Fahrt über Grund.
Woher bekomme ich die Stromdaten?
Aus den Stromatlanten und Gezeitenstromtafeln des BSH sowie aus den Stromkästchen der Seekarte. Die Werte gelten jeweils für eine Stunde relativ zum Hochwasser eines Bezugsorts.
Warum ist Strom gegen Wind gefährlich?
Läuft der Strom gegen den Wind, werden die Wellen kürzer, steiler und brechen früher. Reviere wie Tidenströme in Engen oder Flussmündungen können dadurch bei mäßigem Wind erheblich rauer sein als die offene See.
Was ist Stromkenterung?
Der Zeitpunkt, an dem der Gezeitenstrom seine Richtung umkehrt. Er fällt nicht zwingend mit Hoch- oder Niedrigwasser zusammen – in vielen Revieren tritt er deutlich versetzt ein, weshalb er den Stromtafeln zu entnehmen ist.
Quellen
- Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH), Stromatlanten und Gezeitenvorausberechnungen. https://www.bsh.de/DE/DATEN/Vorhersagen/Wasserstand_Nordsee/wasserstand_nordsee_node.html ↩
- ELWIS – Elektronischer Wasserstraßen-Informationsservice, Informationen für die Sportschifffahrt. https://www.elwis.de/DE/Sportschifffahrt/Sportschifffahrt-node ↩
- Deutscher Motoryachtverband, Prüfungszentrum Rheinland-Pfalz, Gebühren und Prüfungsinformationen zu SBF und SKS. https://dmyv-pzrlp.de/gebuehrenseite-neu/ ↩