Die Seekarte ist das zentrale Arbeitsmittel der terrestrischen Navigation und damit auch der Kartenaufgabe in der SBF-See-Prüfung. Wer eine Seekarte sicher lesen kann, findet Positionen, misst Entfernungen, erkennt Gefahrenstellen und legt Kurse ab. Dieser Artikel erklärt den Aufbau amtlicher Seekarten, die Bedeutung des Maßstabs, das Gradnetz aus Breiten- und Längengraden sowie die richtige Technik zum Entfernungsmessen – und zeigt, welche Übungskarten in der Prüfung eine Rolle spielen.
Kurz & knapp
- Amtliche Seekarten für deutsche Gewässer gibt das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) heraus.
- Positionen werden als geographische Breite und Länge im Bezugssystem WGS 84 angegeben – erst die Breite, dann die Länge.
- Entfernungen werden ausschließlich an der seitlichen Breitenskala abgegriffen: 1 Breitenminute = 1 Seemeile = 1.852 m.
- Geschwindigkeit wird in Knoten gemessen: 1 kn = 1 sm/h.
- Tiefenangaben beziehen sich auf das Seekartennull (SKN); in der Nordsee ist das der niedrigst mögliche Gezeitenwasserstand (LAT).
- Je größer der Maßstab (z. B. 1:50.000), desto detaillierter die Darstellung.
- Die Kartenaufgabe der SBF-See-Prüfung wird klassisch mit Kursdreieck und Zirkel auf einer amtlichen Übungskarte gelöst.
Aufbau einer Seekarte
Eine Seekarte ist eine verkleinerte, maßstabsgetreue Abbildung eines Seegebiets mit allen für die Schifffahrt wichtigen Informationen. Zum Grundaufbau gehören:
- Kartentitel und Nummer: benennen das dargestellte Gebiet und die Karte eindeutig.
- Maßstabsangabe: gibt das Verkleinerungsverhältnis an, z. B. 1:100.000.
- Gradnetz: Breitenskala am linken und rechten Kartenrand, Längenskala am oberen und unteren Rand.
- Kompassrose: eine oder mehrere Windrosen mit Angabe der örtlichen Missweisung und ihrer jährlichen Änderung.
- Tiefenangaben und Tiefenlinien: zeigen die Wassertiefe bezogen auf das Kartennull.
- Kartenzeichen: Symbole für Tonnen, Leuchtfeuer, Wracks, Untiefen, Sperrgebiete und vieles mehr.
Maßstäbe und Kartenarten
Der Maßstab beschreibt das Verhältnis zwischen Kartenstrecke und Wirklichkeit. Bei 1:100.000 entspricht 1 cm in der Karte 100.000 cm (= 1 km) in der Natur. Wichtig für die Prüfung: Je kleiner die Zahl hinter dem Doppelpunkt, desto größer der Maßstab – und desto detailreicher die Karte.
| Kartenart | Typischer Maßstab | Verwendung |
|---|---|---|
| Übersegler | z. B. 1:750.000 | Törnplanung über größere Distanzen |
| Küstenkarte | z. B. 1:300.000 | Navigation entlang der Küste |
| Ansteuerungskarte | z. B. 1:100.000 | Ansteuerung von Revieren und Flussmündungen |
| Hafenplan | z. B. 1:50.000 und größer | Detailnavigation in Häfen und engen Gewässern |
Breite und Länge: das Gradnetz
Jede Position auf der Erde wird durch zwei Koordinaten beschrieben:
- Geographische Breite: Winkelabstand vom Äquator, gezählt von 0° bis 90° nach Nord (N) oder Süd (S). Die Breitenparallelen verlaufen parallel zum Äquator.
- Geographische Länge: Winkelabstand vom Nullmeridian durch Greenwich, gezählt von 0° bis 180° nach Ost (E) oder West (W). Die Meridiane verlaufen vom Nordpol zum Südpol.
Zum Absetzen einer Position in der Karte werden die Werte an der Breitenskala (seitlicher Rand) und der Längenskala (oberer/unterer Rand) abgegriffen und mit Anlegedreieck und Zirkel in die Karte übertragen – oder umgekehrt aus der Karte herausgemessen.
Entfernungen messen: immer an der Breitenskala
Für das Entfernungsmessen gilt die wichtigste Grundregel der Kartenarbeit:
1 Breitenminute = 1 Seemeile (sm) = 1.852 m
Entfernungen werden deshalb ausschließlich an der Breitenskala am linken oder rechten Kartenrand abgegriffen – und zwar möglichst auf der Höhe (Breite) des Gebiets, in dem gemessen wird. In der Mercatorprojektion ist der Breitenmaßstab nämlich nicht überall gleich, sondern wird zu den Polen hin gestreckt.
Die Längenskala am oberen und unteren Kartenrand ist für Entfernungen tabu: Die Meridiane laufen zu den Polen hin zusammen, eine Längenminute entspricht nur am Äquator einer Seemeile und wird mit zunehmender Breite immer kürzer.
Praktisches Vorgehen: Die zu messende Strecke mit dem Zirkel abgreifen, den Zirkel an die Breitenskala auf Höhe des Fahrtgebiets anlegen und die Minuten ablesen – jede Minute zählt als eine Seemeile.
Daraus folgt auch die Geschwindigkeitsrechnung: 1 Knoten (kn) = 1 sm/h. Ein Boot, das 12 sm mit 4 kn Fahrt zurücklegt, benötigt dafür 3 Stunden. Zeit-, Strecken- und Geschwindigkeitsaufgaben dieser Art gehören zum Standardrepertoire der Prüfung und lassen sich mit dem Navigationsrechner gezielt üben.
Tiefenangaben und Kartennull
Alle Tiefenangaben in der Seekarte beziehen sich auf das Seekartennull (SKN) – ein festgelegtes Bezugsniveau:
- In der Nordsee (Tidengewässer) ist das Seekartennull das niedrigst mögliche Gezeitenniveau LAT (Lowest Astronomical Tide). Die tatsächliche Wassertiefe ist also in der Regel größer als der Kartenwert – eine bewusste Sicherheitsreserve.
- In der Ostsee liegt das Kartennull annähernd auf dem Niveau des Mittelwassers; Wind und Luftdruck können den tatsächlichen Wasserstand deutlich verändern.
Höhenangaben, etwa die Feuerhöhe von Leuchttürmen, beziehen sich dagegen auf ein mittleres Hochwasserniveau (in Tidengewässern) bzw. auf das Mittelwasser.
Aktualität: Nur berichtigte Karten sind sichere Karten
Seezeichen werden verlegt, Wracks entdeckt, Fahrwasser verändern sich. Eine Seekarte ist deshalb nur so gut wie ihr Berichtigungsstand. Das BSH veröffentlicht laufend die Nachrichten für Seefahrer (NfS), mit denen amtliche Karten aktuell gehalten werden.1 Für die Sportschifffahrt bündelt außerdem das Elektronische Wasserstraßen-Informationssystem ELWIS amtliche Informationen rund um Wasserstraßen und Schifffahrtsrecht.2 Vor jedem Törn gilt: Berichtigungsstand prüfen und aktuelle Unterlagen verwenden.
Übungskarten für die Prüfung
In der theoretischen Prüfung zum SBF See ist neben dem Fragenkatalog eine Kartenaufgabe (Navigationsaufgabe) zu lösen. Bezugsgrundlage ist die Übungsseekarte D 49 Ü (INT 1463) des BSH im Maßstab 1:100.000, die die Mündungen von Jade, Weser und Elbe zeigt.3
Zwei Besonderheiten dieser Karte sind wissenswert. Erstens ist sie bewusst auf dem Stand von 2011 eingefroren und wird nicht berichtigt – nur so bleiben die Aufgaben in Lehrbüchern und Fragensammlungen über Jahre lösbar. Für die Navigation ist sie deshalb ausdrücklich nicht geeignet. Zweitens muss man sie zur Prüfung nicht mitbringen: Dort wird der benötigte Kartenausschnitt gestellt. Für das Üben zu Hause und für den SKS ist die vollständige Karte dagegen das Standardmaterial.3
Gearbeitet wird klassisch mit Kursdreieck, Anlegedreieck und Zirkel: Positionen absetzen, Kurse ablegen, Entfernungen messen, Kurse beschicken.
Wer die Handgriffe verinnerlichen will, findet im Lernbereich strukturierte Übungen und kann die Kartenarbeit mit dem Seekarten-Plotter interaktiv trainieren. Einen Überblick über Ablauf und Bestehensgrenzen der Prüfung gibt der Artikel zum Ablauf der Theorieprüfung; alle Details zum Schein bündelt die Seite SBF See.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wo messe ich Entfernungen in der Seekarte?
Ausschließlich an der seitlichen Breitenskala, und zwar auf der Höhe des betrachteten Gebiets. Eine Breitenminute entspricht einer Seemeile, also 1.852 Metern. Die Längenskala am oberen und unteren Kartenrand ist dafür unbrauchbar.
Warum darf ich die Längenskala nicht verwenden?
Weil die Längengrade zu den Polen hin zusammenlaufen. Eine Längenminute ist nur am Äquator so lang wie eine Seemeile; in unseren Breiten ist sie deutlich kürzer.
Wie lege ich einen Kurs in der Karte ab?
Mit Kursdreieck und Anlegedreieck an einer Gitterlinie ausrichten und den rechtweisenden Kurs an der Skala ablesen beziehungsweise einstellen. In die Karte gehört immer der rechtweisende Kurs.
Was ist ein Koppelort?
Die aus Kurs, Fahrt und verstrichener Zeit gerechnete Position – ohne Bezug auf äußere Marken. Sie wird laufend mitgeführt und dient als Rückfallebene, wenn GPS ausfällt, sowie als Ausgangspunkt für die Positionsbestimmung durch Peilungen.
Wie bestimme ich meine Position durch Peilungen?
Über mindestens zwei, besser drei Peilungen zu identifizierten Landmarken. Die rechtweisenden Peilungen werden in die Karte eingetragen; ihr Schnittpunkt ist der Beobachtungsort. Bei drei Peilungen entsteht meist ein kleines Fehlerdreieck.
Quellen
- Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) – amtliche Seekarten, Nachrichten für Seefahrer. https://www.bsh.de/DE/THEMEN/Nautische_Informationen/nautische-informationen_node.html ↩
- ELWIS – Elektronischer Wasserstraßen-Informationsservice der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung. https://www.elwis.de/DE/Sportschifffahrt/Sportschifffahrt-node ↩
- Übungsseekarte D 49 Ü (INT 1463) des BSH, Maßstab 1:100.000, Mündungen von Jade, Weser und Elbe, Stand 2011 (3. Auflage), nicht berichtigt und nicht zur Navigation geeignet; zur SBF-See-Prüfung wird ein Kartenausschnitt gestellt. https://www.hansenautic.de/20112/uebungsseekarte-ue-d-49-sbf-see-sks/ ↩
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